
„Sorry, all tickets are sold out for today“, steht am Treppenabsatz, der vom Erdgeschoss des V&A zum Untergeschoss führt, in dem die Schiaparelli-Sonderausstellung untergebracht ist.
Zum Glück habe ich mein Ticket schon Monate im Voraus gebucht. Es ist einer der heißesten Tage, die ich je in London erlebt habe. Vor dem Eingang habe ich meine Schuhe gewechselt und eine Jacke von Peter O. Mahler über mein Kleid gezogen. Love the jacket, flüstert mir eine Besucherin zu, während ich die Treppe runtergehe.
Sie selbst lehnt am Geländer. Ihr Outfit: eine große schwarze Sonnenbrille, ein Kopftuch, das streng nach hinten gebunden ist, dazu goldene Creolen und eine geschwungene goldene Halskette, die aussieht, als hätte sie sich jemand direkt vom Schiaparelli-Schaufenster geliehen. Darunter ein Leoparden-Bustier-Top, ein weit schwingender schwarzer Rock, in der Hand eine knallrote Krokoleder-Clutch. Sie lehnt sich noch ein wenig weiter zurück und posiert, wie ich dann feststelle, für eine Kamera.
Auch die meisten anderen Besucher:innen sind aufgebrezelt. Sehen und gesehen werden ist der heimliche, aber wenig überraschende Dresscode.
Schiaparelli: Fashion Becomes Art ist die erste britische Ausstellung über Elsa Schiaparelli – die Frau, die das Kleid als Fläche für Ideen begriff und nebenbei das Shocking Pink erfand, das bis heute wie eine kleine Provokation wirkt. Im Victoria and Albert Museum in London spannt die Ausstellung den Bogen von ihren Surrealismus-Klassikern mit Salvador Dalí und Jean Cocteau bis zur Couture des heutigen Kreativdirektors Daniel Roseberry.
Elsa Schiaparelli: Wenn Mode Kunst wird
Kaum im ersten dunklen Raum angekommen, empfängt einen die Sektion Creative Constellations mit einem Zitat, das den Ton für die nächsten zwei Stunden vorgibt: „The presentation of fashion was a work of art“, soll Elsa Schiaparelli einmal gesagt haben.
Und tatsächlich: Die Kuratorinnen und Kuratoren erzählen hier nicht in erster Linie eine Modegeschichte, sondern die Geschichte eines Netzwerks. Schiaparelli stand im Zentrum einer „Konstellation“ aus Maler:innen, Bildhauer:innen, Fotograf:innen, Schriftsteller:innen und Kunsthandwerker:innen. Im Paris der späten 1920er und 1930er fand sie ihre Seelenverwandten bei den Surrealist:innen, die das Absurde, Erotische und Subversive liebten, das auch sie in Kleidung suchte.

Ein Satz, über den ich lange nachgedacht habe: Coco Chanel soll Schiaparelli abfällig als „that Italian artist who’s making clothes“ bezeichnet haben. Genau diese Häme, so die Ausstellung süffisant, führte zu einigen ihrer denkwürdigsten Designs – weil Schiaparelli sich eben nicht als reine Handwerkerin, sondern als Teil einer künstlerischen Bewegung verstand.
Dalí, Cocteau und das Skelett im Kleiderschrank
Der Abschnitt Artist Collaborations widmet sich den zwei prägendsten kreativen Partnerschaften: Salvador Dalí und Jean Cocteau. Beide interessierten sich für Metamorphose und erkannten in Schiaparellis Arbeit deren transformative Kraft. Dalí feierte ihr Atelier an der Place Vendôme als das pulsierende Herz des surrealistischen Paris, Cocteau nannte es ein „otherworldly laboratory“.
Der Beweis dafür hängt gleich nebenan: das berühmte Skelettkleid aus der Circus-Kollektion von Sommer 1938. Schiaparelli und Dalí brachten hier gemeinsam ein Skelett zum Leben. Mittels der Trapunto-Stepptechnik wurden Wirbelsäule, Rippen, Schlüsselbein und Hüftgelenke zwischen zwei Stofflagen mit Watte ausgepolstert. Das transparente Material suggeriert, dass wir das eigene Fleisch und die eigenen Knochen der Trägerin sehen. Makaber, ja. Aber auch von einer Präzision, die einem den Atem nimmt.

Auch mit Cocteau gab es Stücke von stiller Raffinesse. Auf der Rückseite eines Mantels verbinden sich gespiegelte, sich küssende Gesichter zu einer Urne mit Rosen und einem drapierten Tuch. Ein paar Schritte weiter findet sich das Pendant dazu: ein Dinner-Jacket von 1937, auf dessen Schulter Maison Lesage nach Cocteaus Entwurf ein Profil mit goldenen Perlen als herabfließendes Haar stickte.
Pelzarmband, Teetasse und andere verrückte Ideen
Eine meiner Lieblingsanekdoten der ganzen Ausstellung: Als die surrealistische Künstlerin Meret Oppenheim Geld brauchte, bot sie Couturiers Ideen für Accessoires an. Schiaparelli kaufte ihr den Entwurf für ein Pelzarmband ab.
Als Oppenheim das Armband, begleitet von Pablo Picasso und Dora Maar, in einem Café trug, kam sie auf die Idee, eine Teetasse mit Pelz zu überziehen – und schuf damit ihr berühmtes surrealistisches Objekt Object. Mode, Kunst und Zufall, alles in einer einzigen Kettenreaktion – genau das macht diese Ausstellung so sehenswert.
Die Jacke als Manifest
Ein eigener, fast andächtiger Raum ist The Schiaparelli Jacket gewidmet. Schlicht in der Silhouette, aber exzessiv in der Verzierung: Saison für Saison vertraute Schiaparelli ihre Stickereien Maison Lesage an, dessen flache Metallstreifen und verspielte Motive aus Blumen, Sternexplosionen und Musikinstrumenten ihre Entwürfe sofort erkennbar machten.

Nicht alles in der Schau ist Skandal und Spektakel. Die pinke Samtweste, bestickt mit Karotten, Blumenkohl und Radieschen, erzählt von den Frauen, die während der deutschen Besatzung Frankreichs selbst Gemüse anbauten – ein ironisch-liebevoller Kommentar zur veränderten Rolle der Frau.

Und dann sind da die Leopardenfell-Stiefel von Winter 1939, mit Perlmuttknöpfen versehen – ein Accessoire, das zeigt, wie unbekümmert Schiaparelli Materialien kombinierte, die andere niemals zusammengedacht hätten. Kein Wunder, dass die Besucherin an der Treppe mit ihrem Leoparden-Top unbewusst genau diese Chuzpe zitierte.
Was mich an Schiaparelli besonders fasziniert
Manchmal ist es nicht das Kleid selbst, sondern nur sein Abdruck, der am meisten erzählt. Unter dem Titel Eileen Agar at Brighton Pavilion hängt ein kleines Schwarz-Weiß-Foto von Lee Miller: der Schattenriss ihrer Freundin, der surrealistischen Künstlerin Eileen Agar, mit einem typisch länglichen Schiaparelli-Hut. Es könnte der einzige visuelle Beleg dafür sein, dass Agar überhaupt Schiaparelli trug.
Und dann die Geschichte von Rosalinde Gilbert. Für ihre Hochzeit in der Golders Green Synagoge 1934 kaufte sie sich ein Schiaparelli-Brautkleid. Gilbert ließ die Schleppe später selbst zu einem Abendkleid umarbeiten; die abnehmbaren Ärmel erlaubten ihr, das Kleid mehrfach zu tragen.
Wieder so ein Moment, in dem die Ausstellung daran erinnert: Hinter jedem Kleidungsstück steht ein ganzes Leben.
Direkt vor der Vitrine mit dem cremefarbenen, mit Spitze bestickten Brautkleid steht eine Besucherin, das Handy im Anschlag. Sie zoomt so nah heran, dass auf ihrem Display nur noch der Kranz aus Perlen und der Schleier zu erkennen sind – ein Detail, das man mit bloßem Auge durch die Vitrine kaum erhascht.
Ich beobachte das in dieser Ausstellung immer wieder: Die Leute fotografieren nicht die ganze Robe, sondern einzelne Zentimeter Stickerei, als wollten sie das Handwerk selbst mit nach Hause nehmen.
Daniel Roseberry und das Schiaparelli von heute
Natürlich bleibt die Ausstellung nicht in den 1930er-Jahren stehen. Daniel Roseberry führt Schiaparellis Spiel mit dem Körper, mit Übertreibung und Surrealismus weiter.

Beim Mille-feuille-Kleid aus der Phoenix-Kollektion Herbst/Winter 2024 etwa treffen die Silhouetten der 1950er auf eine extreme Sanduhrform und wirbelnde, kreisförmige Verzierungen.
Noch deutlicher wird das beim Scorpion sister-Ensemble aus der Frühjahr/Sommer-2026-Kollektion. Ein Skorpionschwanz ragt aus einem durchsichtigen Bustier hervor, blühende Blumen hängen über dem Mieder. Absurd, morbide, wunderschön – kurz: typisch Schiaparelli.

Unter dem Titel Sculpting the body wird dann noch einmal deutlich, wie selbstverständlich Roseberry die Vergangenheit plündert und neu zusammensetzt. Eng geschnürte Taillen, korsettierte Mieder und gepolsterte Hüften treffen auf Inspirationen aus dem ursprünglichen Schiaparelli-Couture-Salon.
Ich stehe vor der bestickten Korsettrobe und denke: Es ist bezeichnend für diese Ausstellung, dass selbst eine Lampe aus den 1930ern hundert Jahre später noch die Silhouette eines Kleides prägen kann.

Von Schiaparelli zu Lady Gaga und Zendaya
Ganz am Ende, kurz vor dem Ausgang, wartet eine Wand, die mindestens genauso viele Handyfotos produziert wie die Kleider selbst: Shots of style.
Hier hängen große, glänzende Editorial-Prints – Zendaya für W Magazine in Haute Couture Frühjahr/Sommer 2022, Lady Gaga für Vogue Italia, Ariana Grande, Gillian Anderson, Hunter Schafer, Emma Corrin, Zoë Kravitz und Daphne Guinness.

Es ist ein kluger letzter Kniff der Kuratorinnen: Man sieht buchstäblich, wie sich der „golden thread“ – der goldene Faden, von dem im letzten Ausstellungsraum die Rede ist – bis in die Gegenwart von Vogue-Covern und Red-Carpet-Momenten hineinzieht.
Seit 2019 führt Daniel Roseberry dieses Erbe fort. Schiaparelli ist wieder das, was es offenbar immer sein wollte: Mode, über die gesprochen wird.
Sehen und gesehen werden
Auf dem Weg zurück durch die letzten Räume treffe ich die Frau von der Treppe wieder. Sie posiert jetzt vor einer skulpturalen Installation, das Kinn leicht angehoben, ein Lächeln für die Kamera einer Begleitperson.
Vor der goldenen Reliefwand am Ausgang, auf der Schiaparellis Unterschrift in geschwungenen weißen Lettern prangt, drängen sich schon die nächsten Besucherinnen für ihr Erinnerungsfoto.
In diesem Moment wird mir endgültig klar: Diese Ausstellung produziert nicht nur Bilder an den Wänden, sie produziert auch ihre eigenen, lebendigen Neuinszenierunge – Besucher:innen, die selbst zu Silhouetten werden, die zwischen Vitrinen und Spiegelungen posieren, als gehörten sie zur Kollektion.
Schiaparelli hätte, glaube ich, ihre helle Freude daran gehabt.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe von Fashion Becomes Art: Man verlässt die Ausstellung nicht nur mit dem Wissen, wie viel Handwerk, Ironie und Chuzpe in jedem einzelnen Stich steckt – man verlässt sie mit brennenden Füßen, einem viel zu vollen Handyspeicher und dem festen Vorsatz, selbst ein bisschen mehr Mut zur Extravaganz zu wagen.
Praktische Tipps für die Schiaparelli-Ausstellung im V&A
- Laufzeit: bis 8. November 2026
- Ort: V&A South Kensington, Cromwell Road, London SW7 2RL
- Eintritt: £28 unter der Woche, £30 am Wochenende; Ermäßigungen sind verfügbar
- Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 17.45 Uhr, freitags bis 22 Uhr. Einige Galerien schließen freitags allerdings bereits um 17.45 Uhr.
- Tickets: Eine frühzeitige Reservierung ist unbedingt zu empfehlen. Tickets und aktuelle Informationen gibt es auf der offiziellen Ausstellungsseite des V&A.
- Museumsbesuch: Der Eintritt in die ständige Sammlung des V&A ist kostenlos; für Schiaparelli: Fashion Becomes Art benötigen Sie ein separates Ticket. Weitere Hinweise finden Sie unter V&A South Kensington – Plan your visit.
Mein Rat: Ticket unbedingt vorab buchen. Nicht nur, weil die Ausstellung gut besucht ist. Sondern weil „Sorry, all tickets are sold out for today“ wirklich kein besonders schöner Anfang für einen Tag im V&A wäre.
Wenn Sie Modeausstellungen im Victoria and Albert Museum genauso faszinierend finden wie ich: Auf styleREBELLES hat Tanja auch über die DIVA-Ausstellung im V&A geschrieben – mit spektakulären Bühnenoutfits von Tina Turner bis Lady Gaga.