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Astrid Konradt-Bocks faszinierende Kunst aus Papier und Kleidung

Astrid Konradt-BlockManchmal stolpert man zufällig über etwas, das einen sofort in seinen Bann zieht. Genau so ging es mir, als ich an der Produzenten-Galerie in Bielefeld vorbeikam. Hinter dem großen Fenster entdeckte ich zwei ungewöhnliche Objekte, die mich auf Anhieb faszinierten. Formen, die an Kleider und Oberteile erinnerten, filigrane Strukturen, überraschende Materialien – und eine Ästhetik, die mich neugierig machte.

Ich blieb stehen und betrachtete die Arbeiten genauer. Was ich sah, erinnerte an Mode, war aber doch so viel mehr. Die Objekte wirkten poetisch und eigenwillig, vertraut und fremd zugleich. Wie konnte aus Papier eine solche Ausdruckskraft entstehen? Und welche Geschichten steckten hinter diesen außergewöhnlichen Formen?

Ich wollte mehr erfahren und lernte die Künstlerin Astrid Konradt-Bock kennen. Im Gespräch mit ihr wurde schnell klar, dass hinter der Ausstellung „untragbar!“ weit mehr steckt als ein Spiel mit Materialien und Silhouetten.

Ihre Arbeiten erzählen von Erinnerungen, Weiblichkeit und Kindheit, von Leichtigkeit und dem Wunsch nach Abstand. Sie handeln von Dingen, die wir bewahren, weil sie zu unserer Geschichte gehören – und von Themen, bei denen es sich lohnt, genauer hinzusehen.

Für mich ist diese Ausstellung deshalb auch eine Begegnung mit der Frage, was Kleidung eigentlich für uns bedeutet. Denn wie wir wissen, sind manche Stücke weit mehr als Stoff: Sie erinnern uns an Menschen, Lebensphasen und Gefühle, die uns geprägt haben.

Astrid Konradt-Bock: Wie Kleidung und Erinnerungen zu Kunst werden

Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich Astrid Konradt-Bock mit Kleidung und Wäschestücken. Der Ausgangspunkt für viele ihrer Arbeiten liegt in ihrer eigenen Familiengeschichte. Als sie das Elternhaus auflöste, fand sie zahlreiche Kleidungsstücke ihrer Mutter und anderer Frauen aus der Familie. Einfach wegwerfen konnte sie diese persönlichen Erinnerungsstücke nicht.

Da war beispielsweise das Unterkleid ihrer Mutter, das diese unter ihrem Hochzeitskleid getragen hatte. Ein Unterrock, den der Vater seiner Frau geschenkt hatte, gehörte ebenso dazu wie eine Seidenbluse aus den 1950er-Jahren, die sich eine Großtante von ihrem Gehalt erspart hatte.

Diese Kleidungsstücke erzählen von einer Zeit, in der hochwertige Stoffe kostbar waren und besondere Wäschestücke sorgfältig aufbewahrt wurden. Sie erinnern an familiäre Rituale, an Handarbeit und an die Frauen, die sie getragen haben. Auch kleine Details sind geblieben: die gestärkte weiße Sonntagsschürze der Mutter oder eine Kinderschürze mit gestickten Blümchen, die Astrid Konradt-Bock besonders geliebt hat.

Die Künstlerin übersetzt solche Erinnerungen in ihre eigene künstlerische Sprache. Sie zeichnet Kleidungsstücke auf transparentes Architektenpapier, arbeitet mit Silhouetten und umhüllt ihre Arbeiten teilweise mit Seidenpapier und Satinband. So entstehen Objekte, die an kostbare Geschenke erinnern – persönliche Erinnerungen, die sie heute mit anderen Menschen teilt.

Kunst aus Papier und Draht: Wenn aus Alltagsmaterialien außergewöhnliche Objekte entstehen

Neben den biografisch geprägten Arbeiten zeigt die Ausstellung „untragbar!“ in der Produzenten-Galerie Bielefeld, wie vielseitig sich Papier als künstlerisches Material einsetzen lässt.

Für einige ihrer Objekte verwendet Astrid Konradt-Bock Verpackungspapier, das ursprünglich dazu gedacht war, empfindliche Materialien beim Transport zu schützen. Was andere vermutlich achtlos entsorgen würden, wird bei ihr zum Ausgangspunkt für dreidimensionale Formen.

Sie knittert und formt das Papier, heftet es zusammen und entwickelt daraus übergroße Kleidungsobjekte, die an Kleider oder Oberteile erinnern. Anschließend trägt sie vorsichtig weiße Acrylfarbe auf, um die erhabenen Strukturen hervorzuheben.

Das Material wirkt auf den ersten Blick schlicht, beinahe unscheinbar. Durch die Bearbeitung erhält es jedoch eine ganz eigene Präsenz. Es entstehen Formen, die an Mode erinnern und dennoch eine völlig andere Sprache sprechen.

Astrid Konradt-Bock ist keine Modedesignerin. Ihre Objekte sind nicht dafür gedacht, getragen zu werden. Sie untersucht vielmehr, was geschieht, wenn wir vertraute Formen aus ihrem gewohnten Zusammenhang lösen und ihnen eine neue Bedeutung geben.

Ihre Arbeitsweise zeigt, wie viel Kreativität darin liegt, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Manchmal braucht es kein kostbares Material, sondern nur einen ungewöhnlichen Blick auf das, was bereits vorhanden ist.

„untragbar!“: Was die Ausstellung über Weiblichkeit und Gefühle erzählt

Der Titel der Ausstellung ist bewusst gewählt. „untragbar!“ beschreibt nicht nur Objekte, die sich nicht anziehen lassen. Er eröffnet auch einen gedanklichen Raum, in dem es um Gefühle, persönliche Grenzen und gesellschaftliche Erwartungen geht.

Besonders spannend finde ich die sogenannten „Leibchen“ der Künstlerin. Eine Arbeit ist mit Federn gestaltet. Als Astrid Konradt-Bock es fertiggestellt hatte, fühlte sie sich nach eigener Aussage federleicht, frei und glücklich. Dieses Gefühl wollte sie sichtbar machen.

Doch Gefühle sind nicht immer leicht. Es gibt Tage, an denen wir uns gereizt fühlen, lieber unsere Ruhe hätten und niemandem zu nahekommen lassen möchten. Für dieses Empfinden entwickelte sie ein Gegenstück mit nach außen weisenden Heftzwecken, die eine bewusst stachelige, abweisende Wirkung haben und zeigen: Wir müssen nicht immer für alle verfügbar sein. Wir dürfen auch Grenzen setzen.

Kinderkleidung als Kunst: Zwischen Erinnerungen, Verletzlichkeit und Schutz

Nicht alle Arbeiten der Ausstellung sind auf den ersten Blick so leicht und spielerisch. Einige beschäftigen sich mit einem deutlich ernsteren Thema: der Gefährdung von Kindern.

Eine zarte Kleidsilhouette aus Tüll wirkt zunächst beinahe unschuldig. Doch die Künstlerin möchte dazu anregen, hinter die schöne Oberfläche zu schauen. Ein Riss im Stoff oder eine rote Spur können ganz alltägliche Ursachen haben. Gleichzeitig können solche Details Gedanken an Verletzlichkeit und mögliche Gefährdungen wecken.

Astrid Konradt-Bock überlässt es den Betrachtenden, sich mit diesen Assoziationen auseinanderzusetzen. Ihre Arbeiten erklären nicht alles und geben keine fertigen Antworten. Sie laden vielmehr dazu ein, genauer hinzusehen und auch unbequeme Fragen zuzulassen.

Besonders berührt hat mich das Objekt aus einer alten Babygarnitur. Die kleine Jacke und das passende Mützchen fand die Künstlerin bei der Auflösung ihres Elternhauses. Sie selbst hatte diese Kleidung als Baby getragen.

Für das Kunstobjekt befestigte sie alte Fotografien aus den 1950er-Jahren mit dem Nähgarn ihrer Mutter auf dem Kleidungsstück. Die Bilder zeigen sie als Baby auf dem Arm ihrer Mutter. Auf einem Foto trägt sie sogar genau dieses Mützchen.

Die Garnitur hängt an einem Kinderbügel mit der Aufschrift „Fürs liebe Kind“. Vergangenheit und Gegenwart treffen hier aufeinander: persönliche Erinnerungen, die Beziehung zur Mutter und die Vergänglichkeit der alten Fotografien.

Es ist eine stille Arbeit, die viel Raum für eigene Gedanken lässt. Sie zeigt, wie eng Kunst mit unserem persönlichen Erleben verbunden sein kann – und wie ein einziges Kleidungsstück eine ganze Lebensgeschichte in sich tragen kann.

Warum diese Ausstellung zum Nachdenken anregt

Die Ausstellung macht deutlich: Kleidung begleitet uns durch unterschiedliche Lebensphasen. Sie kann Erinnerungen bewahren, unsere Persönlichkeit ausdrücken und uns helfen, uns in unserer Haut wohlzufühlen.

Die Arbeiten von Astrid Konradt-Bock lenken den Blick auf genau diese persönliche Ebene. Sie zeigen, dass Kleidung nicht nur ein Gegenstand ist, sondern auch ein Stück Identität und Geschichte sein kann.

Die Ausstellung erinnert daran, dass nicht alles neu sein muss, um wertvoll zu sein. Ein altes Wäschestück kann eine Geschichte erzählen. Verpackungspapier kann zum Kunstwerk werden. Und ein Objekt muss nicht praktisch sein, um etwas Wesentliches auszudrücken.

Ausstellung „untragbar!“ in Bielefeld: Ein Besuch, der nachwirkt

Astrid Konradt-Bock, 1956 in Büren in Westfalen geboren, lebt in Bielefeld. Sie studierte Kunstpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Bielefeld und Freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf. Ihre langjährige Beschäftigung mit Kleidung, Papier und unterschiedlichen Materialien verbindet sich in der Ausstellung „untragbar!“ zu einem vielseitigen künstlerischen Kosmos.

Mich hat vor allem die Verbindung aus ästhetischer Leichtigkeit und persönlicher Tiefe beeindruckt. Was zunächst wie ein ungewöhnliches Spiel mit Formen und Materialien erscheint, entwickelt beim genaueren Hinsehen eine ganz eigene Kraft.

„Untragbar!“ ist deshalb ein Titel, der neugierig macht. Denn was auf den ersten Blick nicht tragbar erscheint, kann im übertragenen Sinne erstaunlich viel Gewicht haben. Es kann Erinnerungen tragen, Gefühle sichtbar machen und den Blick für Themen öffnen, die Aufmerksamkeit verdienen.

Wer sich für Kunst, Mode und die Geschichten hinter den Dingen interessiert, sollte sich diese Ausstellung nicht entgehen lassen.

 

Ausstellungstipp: „untragbar“ von Astrid Konradt-Bock

Ausstellung: „untragbar“ – Objekte aus Papier und Draht, Zeichnungen und Acrylmalerei

Künstlerin: Astrid Konradt-Bock

Ort: Produzenten-Galerie Bielefeld, Rohrteichstraße 26, 33602 Bielefeld

Ausstellungszeitraum: 9. Oktober bis 7. November 2026

Öffnungszeiten: Dienstag, 16.30–18.30 Uhr; Samstag, 12–14 Uhr; weitere Termine nach Vereinbarung

Weitere Informationen: produzenten-galerie.de

Kontakt zur Künstlerin:

ATELIERGEMEINSCHAFT LAIF
Jöllenbecker Straße 6a, 33824 Werther

Telefon: 0176 42088943
E-Mail: astridkonradtbock@hotmail.com
Website: www.art-akb.de

Astrid Konradt-BlockAstrid Konradt-Block

 

Sie möchten noch ein wenig bei textiler Kunst verweilen? Hier können Sie mehr erfahren über eine Ausstellung der Textilkünstlerin Olga de Amaral in der Pariser Fondation Cartier: https://stylerebelles.com/grosse-entdeckung-olga-de-amaral-in-der-fondation-cartier-in-paris/

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