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Shtisel – Lieben und Leiden in Jerusalem

ShtiselMänner mit Stirnlocken, langen schwarzen Mänteln und großen schwarzen Hüten, Frauen mit schweren Perücken und langen Röcken, umgeben von vielen, sehr vielen kleinen Kindern. Ultraorthodoxe jüdische Familien sind für uns eine fremde Welt. Eine Welt, in der ein Heiratsvermittler Ehen arrangiert, die Betten im Schlafzimmer getrennt stehen und Fernsehgeräte tabu sind. Denn die Welt da draußen spielt keine Rolle.

Die Netflix-Serie „Shtisel“ erzählt vom Alltag der gleichnamigen strenggläubigen Familie in Jerusalem, von verlassenen Töchtern, aufsäßigen Großmüttern und verstockten Patriarchen. Hauptfigur ist der 26-jährige Akiva Shtisel, hinreißend gespielt von Michael Aloni, der in Israel – wen wunderts? – eine große Nummer ist. Akiva steht unter der Knute seines sittenstrengen Vaters Shulem. Er ist wie sein Vater Rabbiner, aber nur widerwillig, denn seine wahre Leidenschaft gehört der Malerei. Das künstlerische Talent seines Sohnes bekämpft der Vater, als handle es sich um eine peinliche Krankheit. Akiva ist so begabt, dass er einen namhaften Galeristen findet, der ihn in Amerika bekannt machen will. Aber Akiva zögert. In seinem Alter sollte er längst verheiratet sein, doch er hat schon einige Fehlschläge erlitten. Eine wahre Obsession erfasst ihn für eine zweifache Witwe, deren Sohn er unterrichtet. Einer bildschönen 16Jährigen gab er darum den Laufpass.

Die Serie zeigt ein strenges Regime der Familienpatriarchen, das mitunter das Leben der Jungen stört, zerstört – und ein sehr altmodisches Frauenbild. Als Akivas Schwester Giti von ihrem Mann mit fünf Kindern sitzen gelassen wird, muss sie das verbergen und heimlich arbeiten gehen, um ihre Familie zu ernähren. Klingt langweilig? Oh nein, «Shtisel» ist eine der besten Netflix-Serien überhaupt. Besonders ins Herz geschlossen habe ich Akivas rebellische Großmutter, die sich im Altersheim einen Fernseher mietet und mit Wonne frivole amerikanische Fernsehserien und Liebesfilme anschaut.

Antisemitismus nimmt zu in Europa. Das zeigen Anschläge wie der am 9. Oktober in Halle. Wer sich «Shtisel» anschaut, merkt, dass orthodoxe Juden in unseren Augen eine Menge fremdartiger Bräuche haben, aber die Themen ihres Lebens sind genauso wie unsere: Sie lieben ihre Familien und gehen einander gleichzeitig entsetzlich auf die Nerven. Sie möchten ihren Weg im Leben finden. Sie fragen sich, ob sie genug geliebt werden. Sie machen Fehler, von denen sich einige nicht wieder gut machen lassen. Sie sind unvollkommen und holen dennoch in manchen Augenblicken das Beste aus sich heraus. Und am Ende des Lebens fragen sie sich, ob das nun wirklich schon alles war. Kaum eine Serie auf Netflix ist so zutiefst menschlich wie «Shtisel». Bitte mehr davon!

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4 Kommentare

  1. Tina von Tinaspinkfriday
    20/05/2020 / 13:10

    Oh danke für den Tipp. Da schau ich doch mal rein.
    Kennst Du „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ ? Der Film, auch Netflix ist sehr süß gemacht.
    Liebe Grüße Tina

  2. Ursel
    Autor
    20/05/2020 / 16:34

    Dein Feedback freut mich sehr, und auch Dein Interesse an der Serie, liebe Tina. Bei Wolkenbruch gucke ich heute Abend rein. Danke für den Tipp.

  3. Sabine
    26/08/2020 / 13:58

    Ich mag die Oma auch am meisten. Sie schaut immer „Reich und schön“

  4. Ursel
    Autor
    26/08/2020 / 16:24

    Genau so isses! The best!

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