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Das Alter ist (k)ein Arschloch

Das Alter ist (k)ein ArschlochDas Alter ist (k)ein Arschloch – darüber schreibe ich ab jetzt hier immer mal wieder.

Nicht über rosarote Lebensweisheiten, nicht über „Man ist so alt, wie man sich fühlt“ und „70 ist das neue 50“. Sondern mit Humor, Selbstironie und angemessener Distanz über das Aufatmen, wenn man merkt: Ich muss niemandem mehr gefallen. Über knarrende Knie, Falten, Depressionen, Liebe und das Ende davon.

Es geht um Geschichten, die ich so oder so ähnlich wirklich erlebt habe. Sie handeln von meinem Leben im Alter, oder genauer: vom Leben.

Für mich ist das Alter die Realität. Es ist ein grosses Glück, aber nicht nur nett. Es ist herausfordernd und manchmal gnadenlos. Es ist weder noch, aber alles.

Die Texte richten sich an Frauen, die keine Lust mehr auf Schönfärberei haben. Willkommen in einer Lebensphase, die nicht easypeasy ist. Sondern die fucking schwierigste und zugleich beste.

Das Alter ist (k)ein Arschloch: Beim Zahnarzt

Als ich auf den Wecker schaute, war es halb vier. Bis dahin hatte ich vor Angst kein Auge zugetan. Um fünf Uhr warf der Zeitungsbote die Zeitungen in den Briefkasten, und ich stand auf.

Ich trank zwei Tassen Kaffee und aß eine Scheibe westfälisches Pumpernickel mit Quark und dänischer Brombeermarmelade. Zuerst las ich die Regionalzeitung, dann die Süddeutsche. Zeile für Zeile, Seite für Seite. So verging die Zeit.

In der Nacht war Schnee gefallen. Der Garten sah weich und wolkig aus. Minus 1 Grad,  eine feuchte Kälte. Auf den Bürgersteigen war es glatt. Ich schlitterte vorsichtig in die Stadt. Um kurz vor zehn kam ich in der Zahnarztpraxis an.

Manchmal denke ich, der geheime Vorteil des Todes besteht darin, nicht mehr zum Zahnarzt gehen und sich keine Gedanken mehr um seine Zähne machen zu müssen. An diesem Tag stand eine Wurzelkanalbehandlung an, angesetzt auf sechzig Minuten. Ich hätte vor Angst die ganze Nacht nicht geschlafen, sagte ich dem Zahnarzt. Wovor ich denn Angst habe, wollte er wissen. Vor Schmerz und Pein, antwortete ich. Pein? Was ich denn damit meine.

Die horizontale Lage auf der Liege. Das grelle Licht über mir. Mein weit aufgerissener Mund, in dem eine Personen rechts und eine Person links neben mir mit Absaugschläuchen und Werkzeugen hantieren. Die Unmöglichkeit, aus dem Bahandlungsstuhl zu springen und zu fliehen. Das Knattern und Rattern des Bohrers, das monotone Rauschen der Absaugung. Die Angst, so gelähmt zu sein, dass ich vergesse zu atmen und panisch werde.

Nach der Behandlung musste ich zugeben, dass es längst nicht so schlimm war wie befürchtet. Die Zahnwurzel war schon seit Jahren tot, deshalb gab es keine stechenden Schmerzen. Was ebenfalls half: Der Zahnarzt ist ein handwerkliches Ass und ein guter Psychologe. Er legte kurze Behandlungspausen ein und erklärte erfreulich lapidar, was er tat. Denn Details will man ja nun wirklich nicht wissen.

Sind Sie Ihre Zähne nicht auch leid? Haben Sie es nicht satt, sie ständig zu putzen, die Zahnzwischenräume mit Bürstchen in unterschiedlichen Größen zu säubern, Fäden über Kronen durchs Zahnfleisch zu zurgeln, die Munddusche zu bedienen und am Ende den ganzen Mundraum gründlich auszuspülen?

Ich kenne Menschen, die brauchen gut und gerne eine Stunde pro Tag für die Zahnpflege. Sieben Tage die Woche. Es ist mir ein Rätsel, wie man dabei überhaupt noch ein Leben führen kann. Wir reden von 365 Stunden im Jahr. Neun Arbeitswochen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was man mit dieser Zeit anfangen könnte. Zum Beispiel mit einer Freundin im Café Apfelstrudel mit Vanillesauce essen, Filme gucken, im Ausverkauf einen roten Mantel kaufen oder etwas Bleibendes schaffen.

Von den anderen, wirklich gravierenden Dingen will ich gar nicht erst reden: Zahnverlust, Implantate einsetzen, Knochenaufbau, Teleskopprothesen, Implantate wieder herausschneiden, weil sie sich entzündet haben, mit Vollprothesen weder richtig essen noch sprechen zu können, weil kein Zahn und kein Implantat mehr da ist, an dem eine Brücke oder Teleskopprothese Halt findet.

Genau davor habe ich Angst. Deshalb pflege ich meine Zähne, was das Zeug hält. Wenn ich achtzig bin, dauert das Ganze sicher doppelt so lange. Mein einziger Trost ist, dass ich dereinst wenigstens etwas zu tun haben werde, wenn ich hochbetagt bin. Vorausgesetzt, es gibt mich dann noch.

Über Leben, Liebe und Altern habe ich mit der Journalistin Jutta Küster gesprochen. Herausgekommen ist ein Interview, das ich alle paar Jahre wieder sehr gerne lese. Warum? Sehen Sie selbst: https://stylerebelles.com/das-besondere-interview-jutta-kuester/

 

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