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Zehn Jahre Brexit Referendum – mein Blick aus Schottland

Ich weiss, ich weiss: bin nach langer Pause zurück und dann komme ich gleich mit so einem Post! Jedoch habe ich ja immer mal wieder im Blog über Brexit geschrieben und so ist der Rückblick auch hier passend. Aber so fängt meine Geschichte gar nicht an …

Als ich Großbritannien zum ersten Mal sah, war ich ein Teenager auf einer Fähre.

Und ich machte genau zwei Fotos von diesem ersten Anblick. Das war Anfang der Neunziger, lange bevor es Smartphones gab. Der Film in meiner kleinen Kodak hatte eben eine festgelegte Anzahl von Aufnahmen, jede einzelne kostbar, abgewogen gegen die Chance auf ein besseres Foto. Also wartete ich, und als die weißen Klippen von Dover in der Ferne auftauchten, machte ich mein erstes Foto. Meine Oma war dabei. Wir reisten einmal im Jahr zusammen, nur wir beide. Mein Vater liebt es zuhause im Garten; meine Mutter die Ostsee. Und so war es meine Oma, die mich hinaus nach Europa führte, bevor ich alt genug war, allein zu reisen. Sie öffnete mir die Tür – auch die nach Großbritannien.

Was auf der anderen Seite wartete, hatte ich mir längst ausgemalt. Wir lernten Englisch mit einem Lehrbuch namens Red Line, in dessen damaligem Band ein Kapitel von einer Reise nach London erzählte. Also kam ich vorbereitet an! Und London enttäuschte nicht. Cool Britannia war gerade in voller Blüte, und der Ort wirkte lebendiger, offener als alles, was ich aus Deutschland kannte. Ohne mich bewusst dafür zu entscheiden, war ich sofort verliebt in dieses Land. Es war nichts Rationales. Schon als Teenager sah ich, dass die Infrastruktur älter war als zu Hause, dass die Betten keine richtigen Decken hatten und es im Bad keine Mischbatterien gab – etwas, worüber ich bis heute nicht ganz hinweggekommen bin.

Ich möchte vorsichtig sein mit dem, was ich schreibe: die Schwärmerei eines Teenagers für ein Land lässt sich natürlich leicht romantisieren.

Doch mit dieser Geschichte mache ich einen ernsten Punkt. Ich wurde nicht in diesem Land geboren. Ich kam über das Meer, bewusst, immer wieder: Sommerreisen nach Bournemouth, ein Freiwilligendienst in einem Heim im Südosten Englands und später in Schottland; schließlich ein Studienplatz. Jede Rückkehr war eine kleine, erneute Entscheidung für dieses Land.

Und ich glaube mittlerweile, dass ein Ort, den man wählt, einen tieferen Halt geben kann als einer, der einem mit der Geburt zufällt. Gerade auch, weil man sich eben immer auch hätte anders entscheiden können.

Aber vielleicht hat der Ort auch mich gewählt – zumindest Schottland. So denke ich oft darüber. Nach meinem Abitur fuhr ich vom Fährhafen in Newcastle upon Tyne nach Norden, um ein Jahr in einem Heim für Menschen mit Behinderung in Edinburgh zu verbringen. Und noch bevor ich dort meine Tasche abgestellt hatte, umarmte mich eine Bewohnerin, die ich noch nie gesehen hatte. Als hätte sie mich seit Jahren erwartet. Es klingt zu schön, um wahr zu sein, ist es aber.

Von dieser Umarmung an war Schottland mein Zuhause.

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Es gibt Millionen Geschichten wie meine. Und 2016 prallten sie alle mit demselben Ereignis zusammen: dem EU-Referendum.

In dem Jahrzehnt danach habe ich erforscht, wie Menschen sich ein Zuhause an Orten schaffen, an denen sie nicht geboren wurden. Wie Zugehörigkeit entsteht, was sie stabil hält – und was sie zerstört.

Offizielle Berichte der letzten zehn Jahre sind großzügig gegenüber dem britischen Staat. Aber er bringt sie natürlich auch hervor. Und so wird das Innenministerium auch für den Brexit mit Statistiken eine Erfolgsgeschichte erzählen. Und wenn niemand die wirklich erlebte Geschichte erhält, dann bleibt nur das übrig.

Während der langen Phase des EU-Austritts begann ich, ein Archiv aufzubauen.

Es soll helfen, die Geschichte richtig einzuordnen. Die Stimmen der EU-Bürger dürfen nicht einfach verschwinden.

Heute öffne ich den ersten Teil des BLEA-Archivs – Brexit Lived Experience Archive. Fast 300.000 Wörter erzählen darin von gelebter Erfahrung. Von Menschen, die oft nur deshalb an meinen wissenschaftlichen Umfragen teilnahmen, weil es sonst keinen Ort für ihre Gefühle gab.

Als ich zu lesen begann, sah ich bereits Muster, bevor ich hundert Einträge erreicht hatte. Muster, die ich aus anderen Archiven kannte. Nie hätte ich erwartet, einem Archiv beim Entstehen zuzusehen und selbst ja irgendwie Teil davon zu sein.

Das Erste, was nach dem Referendum verloren ging, war das Gefühl von Sicherheit. Eine Frau wird an einer Bushaltestelle aufgefordert, nicht mehr mit ihrer Tochter Polnisch zu sprechen: „Wir sind hier in England“, sagt jemand. Andere trauen sich kaum noch, ihre Sprache überhaupt zu benutzen, oder hören auf, sie mit ihren Kindern zu sprechen. Viele berichten, dass sie Angst haben, ihre Herkunft zu erwähnen.

Es sind oft Menschen, die sich längst integriert hatten, die britische Popkultur kannten, Erinnerungen teilten, sich zugehörig fühlten. Und doch wurde das Referendum für sie zu einer Markierung. Andere Erfahrungen sind noch drastischer: angegriffene Häuser, Gewalt, offene Einschüchterung. Eine Frau schreibt: „Ich kann von Glück sagen, dass ich noch lebe.“

Der gemeinsame Nenner ist ein Gefühl, das sich verschiebt: von Zugehörigkeit zu Duldung.

Viele beschreiben, wie sie sich plötzlich als „anders“ markiert fühlen. Die Nationalität, zuvor nebensächlich, wird zentral. Nach Jahrzehnten im Land sagen Menschen: „Ich fühle mich wie eine Bürgerin zweiter Klasse.“ Oder: „Ich werde geduldet statt akzeptiert.“

Selbst dort, wo kein offener Hass auftritt, bleibt die Unsicherheit. Menschen sprechen von einem dauerhaften inneren Rückzug, davon, vorsichtiger zu werden, weniger sichtbar, weniger offen. Doch dieser Rückzug funktioniert nicht. Die Unsicherheit bleibt.

Manche Lebenspläne brechen daran. Menschen, die ihre Asche in Großbritannien verstreuen lassen wollten, verwerfen diese Idee. Andere sprechen von gestörten „Wurzeln“. Beziehungen zerbrechen, Familien sind gespalten, Freundschaften enden.

Ein Satz bleibt besonders hängen: Der Brexit habe „aus Liebe Abscheu gemacht“. Ich begann diesen Text mit der Geschichte einer Liebe zu einem Land – und genau diese Stimmen zeigen, was geschieht, wenn das Land sich gegen diese Liebe wendet.

Die langfristige Folge ist ein Vertrauensverlust, der sich wohl nicht mehr reparieren lässt.

Kein Dokument kann das Gefühl ersetzen, willkommen zu sein. Und so zogen sich viele EU-Bürger aus dem öffentlichen Leben zurück: aus Ehrenämtern, Vereinen, der Nachbarschaftsarbeit. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Enttäuschung. Einige sagen offen, sie hätten weniger Mitgefühl als früher. Integration selbst wird infrage gestellt, nicht als Praxis, sondern als Begriff, der so lange verschoben wird, bis er nichts mehr bedeutet.

Die politischen Entwicklung der letzten 10 Jahre verstärkt diesen Trend.

Die Debatte um Einwanderung wird nicht befriedet, sondern weiter eskaliert. Selbst dort, wo die Migration tatsächlich sinkt. Die Ziele verschiebt sich ständig weiter. Das Ergebnis ist ein Kreislauf, in dem jede „Lösung“ neue Probleme schafft, weil die Ursachen falsch benannt werden.

Und so entsteht ein System, das nicht zur Stabilität führt, sondern zur Eskalation. Wir sind inzwischen beim siebten Premierminister in zehn Jahren. Besser lässt sich die Brexit-Katastrophe eigentlich nicht zusammenfassen.

Ich selbst blieb in diesem Land.

Ich wurde auf dem Papier Teil davon, nach Antrag, Test, Eid und Gebühren. Auch das eine bewusste Entscheidung.

Die Ironie ist dennoch, dass ich nun britisch bin, weil ich unerwünscht war.

Für manche bin ich genau deshalb kein „richtiger“ Bürger dieses Landes. Für mich bleibt es ein Paradox: gleichzeitig hereingelassen und wieder infrage gestellt.

Es bleibt ein Foto der weißen Klippen von Dover, aufgenommen von einem Mädchen mit einer Kodak-Kamera. Es liegt irgendwo im Haus meiner Eltern in Bielefeld.

Das zweite Foto – meine Großmutter auf der Fähre – ist zuhause bei mir in Schottland.

Dies ist eine verkürzte Deutsche Version meines Long Reads zum Archiv; das Original ist hier zu finden.

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