Seit 30 Jahren zieht es mich jedes Jahr in den Winterurlaub nach Sexten in Südtirol – auf die Loipen, in die Berghütten, ins familiengeführte Hotel. Eine Liebeserklärung an das schönste Skidorf der Welt.
Sexten ist das Gegenteil von einem Aufreger-Skiort. Sexten ist klein und es liegt abgeschieden im Hochpustertal. Lautes Entertainment zwischen Tal- und Bergstationen sucht man hier genauso vergeblich wie teure Boutiquen und das Röhren tiefergelegter Autos von prominenten Gästen. Von Poloturnieren und Weltcup-Abfahrten ganz zu schweigen. Für die, die etwas erleben wollen, gibt es andere Skidörfer. Glitzerorte wie Cortina d‘ Ampezzo oder St. Moritz, beide zwei Mal Gastgeber von Olympischen Spielen.
Es geht schon mal damit los, dass man schlecht nach Sexten kommt, egal von wo. Man kann mit dem Auto anreisen, entweder über den Brenner bis Brixen und dann durchs Pustertal. Aber das zieht sich. Oder Landstraße über Kitzbühel, den Pass Thurn und durch den Felbertauerntunnel. Landschaftlich sehr schön, aber nicht unanstrengend zu fahren. Theoretisch kann man auch bis Bozen fliegen oder den Zug von München nach Bozen nehmen. Nur dann wird’s kompliziert. Die Pustertaler Eisenbahn fährt in diesem Januar wegen umfangreicher Reparaturarbeiten nur partiell. Der Schienenersatzverkehr, sprich der enge Bus (ohne Toilette), ist für Reisende mit viel Gepäck und Skiausrüstung eine Zumutung.
Meine erste Ankunft in Sexten war filmreif.
Es war am späten Nachmittag des 2. Weihnachtstags im Jahr 1995. In Brixen setzte Schnellfall ein. Es schneite dicke Flocken, die Scheibenwischer schafften es kaum noch, die Frontscheibe freizuhalten. Im Nu war die Pustertaler Straße von einer dichten Schneedecke bedeckt. Die Straße war urplötzlich spiegelglatt und wir ungeübte Flachländer mussten zum ersten Mal im Stockdunklen Schneeketten am Auto anbringen, um die damals noch schmale, kurvige Straße ins Hochpustertal passieren zu können.
Endlich auf der Höhe in Sexten-Moos angekommen, fragten wir in einem Hotel rechts vor der kleinen Kirche, ob wir ein Zimmer mieten könnten. Denn, unerfahren wie wir waren, hatten wir nichts vorgebucht. Die Hotelbesitzerin machte uns klar, dass zwischen den Feiertagen höchste Hochsaison und jedes Zimmer im Dorf ausgebucht sei. Was nun? Den Berg wieder runterschlittern? Besser nicht. Im Auto übernachten? Würde den Kältetod bedeuten. Aber da hatte die freundliche Frau Holzer schon zum Telefon gegriffen. Sie telefonierte die Hotels ringsum ab und brachte in Erfahrung, dass im Hotel im Fischleintal ein Zimmer frei geworden sei, weil eine Familie aus Deutschland auf der Anfahrt einen Unfall gehabt hatte.
So kamen wir also nach Sexten. Seitdem ist kein Jahr vergangen, in dem ich nicht dort gewesen bin. Ausschließlich im Winter, denn dann liegt ein kaltes, strahlendes Licht über dem Sextner Hochplateau, die Luft ist klar und der Schnee macht die Landschaft weit und meditativ.
Sexten ist kein am Reißbrett konzipiertes, charakterloses Retortendorf mit gesichtslosen Wohnsilos wie in den französischen Alpen, sondern ein natürlich gewachsener und klein gebliebener Ort. In den vergangenen 30 Jahren hat sich hier nicht viel verändert. Gut, es gibt keine Telefonzellen mehr, aber dafür ein paar mehr Hotels, einen unterirdischen Spar-supermarkt und überall Fotos von Jannik Sinner. Jeder im Dorf ist stolz auf den Tennisspieler. Er stammt von hier. Aber diese Veränderungen betreffen nicht den Kern des Ortes. Jedenfalls bilde ich mir das ein.
Jeden Winter finde ich es tröstlich, dass Sexten noch genauso ist, wie ich es im Jahr davor verlassen habe.
Alles ist an seinem Platz. Zum Beispiel die Käserei, in der wir immer den köstlichen Bergkäse in kleinen Stücken einschweißen lassen und fürs ganze Jahr mit nach Hause nehmen. Oder das kleine Cafe in der Dorfmitte, in dem ich gerne in italienischen Modezeitschriften blättere. Oder die Talschlusshütte im Fischleintal, wo Maria uns nach der Ankunft immer erst mal einen Williams einschenkt.
Alle meine Urlaubstage in Sexten sehen gleich aus. Für mich liegt in der Wiederholung die Erholung. Ausschlafen, die Vorhänge aufziehen, die Wintersonne ins Zimmer lassen, auf die Berge schauen, staunen. Frühstücken, was Warmes anziehen. Gehen, atmen, gehen, atmen, den Wind hören, gehen, in den Berg hinein, die Wolken ziehen sehen, gehen, gehen, immer höher. In der Sonne sitzen, eine warme Suppe essen. Sich wieder mit der Natur verbinden, ruhig werden, wieder ganz werden. Sein. Das finde ich nur in Sexten.
Sexten ist ein sehr besonderes, ja magisches Örtchen. Man glaubt es ja kaum, aber hier geschehen noch Wunder. Ich kann es bezeugen. Schauen Sie mal: https://stylerebelles.com/das-osterwunder/
Seit 30 Jahren zieht es mich jedes Jahr in den Winterurlaub nach Sexten in Südtirol – auf die Loipen, in die Berghütten, ins familiengeführte Hotel. Eine Liebeserklärung an