Lotte Sophie. Ein Name so aus der Zeit gefallen und lieblich wie der Spitzenkragen an einem schwarzen Wollkleid. Doch Lotte Sophie war das Gegenteil von einer rührenden Omi.
Bei unserem ersten Treffen kam sie auf dem Kopfsteinpflaster am Bahnhofsplatz auf mich zu, als laufe sie über einen roten Teppich. Gross, schlank, sehr aufrecht, in einem Traum von Mantel: leuchtend Orange, leichte Wolle, eleganter A-Linien-Schnitt, knielang, mit einem kleinen angedeutenetn Rücken-Gürtel auf Hüfthöhe. dazu eine schwarze Jockey-Kappe, schwarze Lederhandschuhe, schwarze Handtasche und schwarze Stiefel mit hohem Absatz. Dass sie die Mutter meines neuen Freundes war, machte ihren Auftritt noch aufregender.
Auf jeder unserer Parties bildete sie den Mittelpunkt. Einmal entfuhr einem der Gäste: „Sie sehen ja aus wie ein Filmstar.“ Er hatte recht. Als junge Frau ähnelte sie der blonden UFA-Schauspielerin Lilian Harvey. Jetzt, mit 80, spielte sie im Repertoirefach der bürgerlichen Dame mit extravagantem Geschmack.
Sie konnte tragen, was sie wollte. Und sie tat es.
Trenchcoat aus rotem Leder, Hosenanzug im Python-Muster, Morgenmäntel aus Seide und weiße, mit silbernen Perlen bestickte Pantöffelchen. Stets umwehte sie ein Hauch von „Opium“ von Yves Saint Laurent. Sie trank gerne ein Glas Champagner. Obwohl seit vielen Jahren zuckerkrank, setzte sie sich über die Ratschläge ihres Arztes hinweg und genoss alles, was sie nicht durfte.
Als Kind hatte ihr der Vater, ein Schneidermeister, nach dem Tod ihrer Mutter und seiner Wiederverheiratung Pakete mit schönen Kleidern ins Internat geschickt. Seitdem war Kleidung für sie von großer Bedeutung. Sie hatte die Mittlere Reife, was damals für eine Frau fortschrittlich war. Ihre Ausbildung absolvierte sie bei einer Hutmacherin. Als ihr späterer Mann an dem Laden vorbei ging und sie dort zum ersten Mal sah, wusste er sofort, so wurde es in der Familie immer erzählt, dass sie die Frau war, die er heiraten würde.
Bei der Hochzeit war sie 24. Als die Kinder klein waren, hatte sie eine Haushaltshilfe, die bei ihnen wohnte, das Haus in Ordnung hielt, kochte und die Wäsche machte. Ihrem Mann war es eine Freude, sie zu verwöhnen. Er zeigte sich gerne mir ihr, seiner schönen Frau.
In ihrer Kindheit hatte sie einen Weltkrieg erlebt, der zweite würde bald ausbrechen. Ihre Brüder starben in Jagdflugzeugen beim Angriff auf Polen. Mit ihren Kindern schlief sie, während die Bomben fielen, im mit Balken verstärkten Kellerraum. Sie sprach nicht viel über diese Zeit. Sie konnte Negatives gut verdrängen.
In der Nachkriegszeit wurde ihr Mann von der Firma nach Amerika geschickt. Er brachte ihr einen BabyDoll mit. Mit den Kindern fuhren sie im Sommer an die Nordsee. Auf den Fotos stehen sie aufgereiht wie die Orgelpfeifen am Strand, zwischen ihnen die Mutter im Kostüm mit weißem Hut, weißen Handschuhen und weißer Handtasche.
Nachdem sie Witwe geworden war und ihre Kinder in aller Herren Länder verstreut waren, kultivierte sie die Fähigkeit, es sich sehr schön zu machen. Zum Frühstück deckte sie den Küchentisch mit dem Blumengeschirr von Villeroy & Boch und zündete eine Kerze an. Bei ihr gab es zu jeder Jahreszeit bunte Schnittblumen. Spätestens nach dem Frühstück zündete sie sich die erste Zigarette an. Lord Extra. Dann mischte sich der Zigarettenrauch mit dem Geruch von starkem Kaffee.
Als sie 83 wurde, saß bei der Geburtstagsfeier ein Herr im korrekten Dreiteiler mit am Tisch.
Ihr Freund. Ich würde es ja nicht machen, wenn meine Kinder nicht einverstanden wären, sagte sie supervergnügt in die Runde. Natürlich hatte sie die Kinder nicht um Erlaubnis gefragt und natürlich waren sie keinesfalls einverstanden. Aber sie sagten nichts.
Der Freund, ebenfalls Mitte 80, fuhr mit ihr in seinem Mercedes aus. Ins Thermalbad zum gemeinsamen Schwimmen oder in die Restaurants der umliegenden Kurorte. Sie kaufte ein bonbonfarbenes Chanel-Kostüm, Handtasche und spitze Schuhe von Prada. Dass sie etwas zu eng waren und schmerzten, ließ sie sich natürlich nicht anmerken.
Nach vier Jahren starb der Freund. Ich habe alles richtig gemacht, sagte sie. Wäre ich mit ihm zusammengezogen, müsste ich jetzt den zweiten Mann betrauern.
Ihr Haus hatte drei Etagen und einen Keller. Jeden Tag ging sie die alte Holztreppe mehrmals hinauf und hinunter. Wir brachten ein zweites Treppengeländer links an der Wand an, denn sie musste sich jetzt mit beiden Händen festhalten. Täglich drehte sie eine kleine Runde an der frischen Luft. Das hält mich beweglich, sagte sie. Erst benutzte sie ihren schwarz-weiß gepunkteten Regenschirm als Gehilfe, und jenseits der 95 dann einen Rollator. 100 wolle sie auf keinen Fall werden, teilte sie uns mit.
An ihrem 96. Geburtstag äußerte sie in ruhigem Ton einen brutal bitteren Satz: Das Alter ist ein Arschloch.
Doch sie nahm an, was war. Sie klagte und haderte nicht und erfreute sich weiter an kleinen Dingen und Momenten. Das größte Problem war die Einsamkeit. Es gab Tage, da sprach sie mit niemandem außer mit sich selbst. Die Person, die jetzt am häufigsten in ihr kleines, gemütliches, verrauchtes Haus kam, war die Pflegerin.
Mit 97 Jahren schlief sie ruhig und friedlich ein. Bis zuletzt, auch noch auf dem Sterbebett, war sie eine schöne Frau.
Nach ihrem Tod räumte ich ihren Kleiderschrank aus. Erst jetzt sah ich, dass die Sachen, die an ihr so elegant ausgesehen hatten, in Wahrheit abgenutzt waren. Die Nähte oben an den Kragenecken ihrer Seidenblusen waren aufgeplatzt, das grüne Innenfutter des Wildlederblazers eingerissen, das Kaschmirkleid von Max Mara hatte kleine Mottenlöcher. An ihr hatten wir das nie bemerkt. Das lag an ihrer angeborenen Eleganz.
Wir stellten fest, dass das Bargeld, viel Geld, aus dem Geheimfach ihres Kleiderschranks gestohlen war. Wer hatte denn Zugang zu ihrem Haus, fragten die Polizisten. Nur die Pflegerin. Das ist der Klassiker, sagten sie. Es ist immer die Putzfrau oder die Pflegerin. Man konnte ihr den Diebstahl nicht nachweisen, auch nicht, als sie sich wenig später ein neues Auto kaufte.
In Lotte Sophies markiger Aussage über das Alter sah ich damals für mich keine Relevanz. Jetzt zitiere ich ihn gelegentlich. Willkommen im Club!
Ich dachte immer, sie habe den Satz erfunden. Aber ChatGPT schreibt ihn dem belgischen Schriftsteller und Satiriker Philippe Geluck zu. Er erfand die Comicfigur „Le Chat“ und lässt die schlaue Katze den Satz auf Französisch sagen.
„L´age est un sale con.“
Natürlich klingt er da, wie alles in dieser Sprache, so viel schöner.
Das Alter ist (k)ein Arschloch – darüber schreibe ich ab jetzt hier immer mal wieder, zum Beispiel hier: https://stylerebelles.com/das-alter-ist-kein-arschloch/
Nicht über rosarote Lebensweisheiten, nicht über „Man ist so alt, wie man sich fühlt“ und „70 ist das neue 50“. Sondern mit Humor, Selbstironie und angemessener Distanz über das Aufatmen, wenn man merkt: Ich muss niemandem mehr gefallen. Über knarrende Knie, Falten, Depressionen, Liebe und das Ende davon.
Es geht um Geschichten, die ich so oder so ähnlich wirklich erlebt habe. Sie handeln von meinem Leben im Alter, oder genauer: vom Leben.
Für mich ist das Alter die Realität. Es ist ein grosses Glück, aber nicht nur nett. Es ist herausfordernd und manchmal gnadenlos. Es ist weder noch, aber alles.
Die Texte richten sich an Frauen, die keine Lust mehr auf Schönfärberei haben. Willkommen in einer Lebensphase, die nicht easypeasy ist. Sondern die fucking schwierigste und zugleich beste.