Endlich mal wieder im Kino gewesen. Gelacht. Geweint. Gestaunt. Genossen. Ganz großes Gefühlskino, dieser Film „Ach ,diese Lücke, diese entsetzliche Lücke„.
Darum geht es: Joachim ist 20. Nach dem Unfalltod seines Bruders wirft er alle früheren Pläne über Bord und zieht nach München-Nymphenburg ins Haus seiner exzentrischen Großeltern. Er möchte Schauspiel studieren, ausgerechnet an der renommiertesten Schule von allen, der Falkenberg-Schule. Zu seiner grossen Überraschung gehört er zu den acht Studenten, die aus tausend Bewerbern ausgesiebt werden.
Die ersten Wochen sind eine Qual für ihn, schräge Übungen und Psychospielchen jeden Tag. Bei einer Übung müssen die Schüler zwei Zettel ziehen, einen Dichter und ein Tier. Joachim zieht „Nilpferd“ und „Fontane“, nun soll er Fontanes „Effi Briest“ als Nilpferd vortragen. Der Film wirft einen süffisanten wie lustigen Blick auf die Schauspielausbildung. Eine andere absurde Aufgabe: „Lächel mal“, sagt die Schauspiellehrerin. „Nicht nur mit dem Mund, mit dem ganzen Körper. Versuch mal, mit den Brustwarzen zu lächeln.“
Für mich die Hauptfiguren in diesem Film: die herrlich skurilen Großeltern, die Schauspielerin Inge, einst ein Star am Wiener Burgtheater und noch immer voller Grandezza (Senta Berger) und Hermann, emeritierter Philosophieprofessor (Michael Wittenborn), ihr sanfter, etwas entrückt wirkender, melancholischer Mann. Sie wirken wie Figuren aus einer anderen Epoche, ein fast aristokratisches Duo, elegant, gebildet, eigenwillig und zugleich verletzlich. Nach dem Tod ihres langjährigen Gärtners sagt Inge: „Schon die fünfte Beerdigung dieses Jahr. Sehr unerfreulich, dieses Sterben.“
Beim Frühstück kämpft Inge damit, ein Marmeladenglas zu öffnen. Mit einem selbstironischen Kommentar über die Schwäche ihrer eigenen Hände zieht sie die frustrierende Situation ins Komische. „Das Alter ist die größte Zumutung von allen! Und dann soll ich auch noch Marmelade aufs Brot bekommen.“ Hermann, seine Hände zittern leicht, das Alter zeichnet sich deutlich ab, beobachtet die Szene ruhig und bietet seine Unterstützung an, ohne den Stolz seiner Frau zu verletzen.
Inge und Hermann. Sie tragen ihr Leben im Alter mit Würde, Humor und Haltung und weigern sich, sich unterkriegen zu lassen. Dabei hilft ihnen auch der Enkel, der nun Leben ins Haus bringt. „Lieberling“, nennt seine Großmutter ihn. Sie coacht ihn, verhilft ihm zu seiner erster Filmrolle und schließlich zum erfolgreichen Abschluss der Schauspielschule.
Am Abend legen sich die Großeltern nebeneinander auf den fluffigen Wohnzimmerteppich, gucken an die Decke und hören schwertraurige Musik. Vielleicht ja auch, weil sie jeden Morgen mit Whisky gurgeln (ohne auszuspucken). Um 11 öffnen sie eine Flasche Champagner, zum Abendessen trinken sie Rotwein und gönnen sich als Absacker noch ein Gläschen Cointreau. Danach entschweben sie mit dem Treppenlift in die erste Etage.
Mit Bruno Alexander als Enkel und Michael Wittenborn als Großvater ist „Ach, diese Lücke, dies entsetzliche Lücke“ großartig besetzt. Mit den Großmeistern Friedrich von Thun und Nikolaus Paryla in fantastischen Nebenrollen.
Doch das wirkliche Ereignis ist Senta Berger! Allein schon ihre Stimme! Das Singende, Schwingende, Zärtliche und Geschmeidige ihres kultivierten Wienerischen Tons hat mich auch in diesem Film wieder in den Bann gezogen!
„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ bereichert und ist voller schöner Gedanken. Zart, heiter, aber zugleich völlig ungeschönt, was das Altern betrifft. Was sich von Inge und Hermann über diese Lebensphase lernen lässt? Einfach munter weiterleben! Die guten Erinnerungen, die Lebensfreude und die Fähigkeit zum Genuss bewahren. Offen bleiben und die Dinge nehmen, wie sie nun mal sind. Zuversichtlich aufs Leben blicken und daran arbeiten, zufrieden zu sein mit dem, was und wie es ist.
Hier der Trailer zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=BgXspczBmCE&t=74
Das Alter ist (k)ein Arschloch – darüber schreibe ich ab jetzt hier immer mal wieder, zum Beispiel hier: https://stylerebelles.com/das-alter-ist-kein-arschloch/
Nicht über rosarote Lebensweisheiten, nicht über „Man ist so alt, wie man sich fühlt“ und „70 ist das neue 50“. Sondern mit Humor, Selbstironie und angemessener Distanz über das Aufatmen, wenn man merkt: Ich muss niemandem mehr gefallen. Über knarrende Knie, Falten, Depressionen, Liebe und das Ende davon.
Es geht um Geschichten, die ich so oder so ähnlich wirklich erlebt habe. Sie handeln von meinem Leben im Alter, oder genauer: vom Leben.
Für mich ist das Alter die Realität. Es ist ein grosses Glück, aber nicht nur nett. Es ist herausfordernd und manchmal gnadenlos. Es ist weder noch, aber alles.
Die Texte richten sich an Frauen, die keine Lust mehr auf Schönfärberei haben. Willkommen in einer Lebensphase, die nicht easypeasy ist. Sondern die fucking schwierigste und zugleich beste.