Sie ist 96 Jahre alt – und einer der wenigen weiblichen Kunst-Stars: Yayoi Kusama. Drei namhafte europäische Museen – die Fondation Beyeler in Basel, das Museum Ludwig in Köln und das Stedelijk Museum Amsterdam – zeigen dieses Jahr in einer Retrospektive rund 300 ihrer Arbeiten aus sieben Jahrzehnten.
Vorbereitet wurde das Projekt von den Kuratoren der Museen über vier Jahre gemeinsam mit der Künstlerin und ihrem Team. Für mich schon jetzt die wichtigste Ausstellung des Jahres 2026. Sie erzählt die Geschichte einer Künstlerin, die eine einzigartige Sicht auf die Welt hat und ein Werk geschaffen hat, das sich über alle Grenzen hinwegsetzt.
Kusama, das ist die Künstlerin mit den Punkten und mit den Kürbissen
Die Frau mit der roten Perücke, die 1929 geboren wurde, als Tochter einer alteingesessenen und wohlhabenden Familie, die ein Saatgutunternehmen betrieb. Ihre Kindheit verbrachte sie in einer Umgebung, die einerseits durch intensive Naturerlebnisse gekennzeichnet war, die sie schon als Kind in ihren Zeichnungen festhielt. Andererseits prägte sie die unglückliche Ehe ihrer Eltern. Ihr Vater, der in die Familie eingeheiratet hatte, hatte fortwährend Affären.
Nachhaltig prägte Kusamas Kindheit und Jugend, dass sie während des Zweiten Weltkriegs aufwuchs. Mit 16 Jahren erlebte sie den Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki, nur einige hundert Kilometer von ihrem Wohnort entfert. Auf der Stelle wurden über 100 000 Mnschen getötet. Eine noch höhere Anzahl starb in den Jahren danach an den Folgeschäden.
Bereits als Kind litt Kusama unter Halluzinationen
Sie hörte Tiere und Pflanzen, die mit ihr sprechen und erlebte, dass sich Punktmuster über ihren eigenen Körper, Pflanzen und Räume ausbreiteten. Diese Visionen jagten ihr große Angst ein, doch sie nutzte sie schon früh als Inspirationsquelle, indem sie sie zeichnend zu beherrschen versuchte. Eindrücklich belegt wird dies durch das erste Bild der Ausstellung, eine zarte Bleistiftzeichnung der zehnjährigen Yayoi, die eine Frau mit geschlossenen Augen zeigt – mit Punkten über dem ganzen Gesicht.
1948 erlaubten ihre konservativen Eltern der Neunzehnjärigen nach langer Weigerung endlich, zum Kunststudium nach Kyoto zu gehen, eine Möglichkeit, die Frauen in Japan erst seit Kurzem offenstand. Doch das akribische Malen nach der Natur langweilte sie und so widersetzte sie sich der konservativen Ausbildungspraxis. Sie begann, sich in die westliche moderne Kunst zu vertiefen.
Ermutigt durch einen Briefwechsel mit der Malerin Georgia O´Keeffe, deren Adresse Kusama mit Hilfe der amerikanischen Botschaft in Japan herausgefunden hatte, beschloss sie, mit 29 Jahren nach New York, in die neue Kunsthauptstadt der Welt zu ziehen. Sie kam mit dem festen Willen, unter den vielen konkurrierenden Talenten als Künstlerin zu reüssieren. Allerdings waren ihre Lebensumstände zunächst prekär. Sie konnte sich die Miete für ihr Atelier, die Arbeitsmaterialien und ihren Lebensunterhalt kaum leisten.
Dennoch stürzte sie sich obsessiv in ihre Arbeit und schuf fieberhaft monochrome Bilder. Auf ihre intensiven Arbeitsperioden folgten oft Erschöpfungszustände mit Panikattacken und Halluzinationen.
Seit 1977 lebt Yayoi Kusama freiwillig in einer psychiatrischen Einrichtung in Tokio
Wenige Schritte entfernt befindet sich ihr Studio und ihr Archiv. Die Düsternis in ihrem Kopf ist gerade zu Beginn ihrer Karriere in ihren Arbeiten deutlich zu sehen.
Da gibt es Möbelstücke, bedeckt mit Hunderten aus Stoff genähter, ausgestopfter und weiß bemalter Penisse. Dazu erklärte sie: „Meine ersten soft sculptures hatten die Form von Phalli oder Penissen, denn ich fürchtete mich vor Sex. Für mich war er etwas Schmutziges. (…) Ich habe begonnen, Penisse zu gestalten, um mich von meiner Aversion und Furcht zu heilen.“ Die Ursprünge für diese Phobie erkennt sie selbst in den Erfahrungen, die sie in jungen Jahren in ihrer Familie gemacht hatte und in der erstarrten, männerorientierten japanischen Gesellschaft.
Eine andere Aversion betraf das Essen. Um dieser Fixierung Ausdruck zu verleihen, wählte Kusama Makkaroni, mit denen sie ganze Objekte überzog.
Ende der 1960er Jahre wurde Kusama in der New Yorker Underground- und Avantgarde – Szene immer bekannter. In Performances und Happenings trat sie in der Öffentlichkeit auf. 1966 zeigte sie uneingeladen auf der Biennale in Venedig ihren „Narcissus Garden“ – ein Arrangement aus 1500 verchromten Kugeln auf einer Rasenfläche, in denen sich die Besucher spiegelten.
Mode und Kunst gehören für Kusama zusammen
Mode zieht sich wie ein roter Faden durch Kusamas Leben und Werk. Einen wesentlichen Aspekt ihrer schon früh praktizierten Strategie der Selbstinszenierung bildet ihr Äußeres. Bereits als Jugendliche nähte sie sich ihre Kleidung selbst. In der von Rivalitäten geprägten New Yorker Kunstszene hüllte sie sich bei Vernissagen unter Männern in grauen Anzügen in prächtige Kimonos, die ihre japanische Identität betonten. Zu dieser zeit begann sie auch, ihre Kleopatra-Frisur mit gerade geschnittenem Pony zu tragen, der sie bis heute treu geblieben ist. Im Winter fiel sie mit ihrem Gorillafellmantel auf, den sie aus Japan mitgebracht hatte.
Kusama begann, über ihre persönliche Kleidung hinaus, radikale Mode zu entwerfen, zuerst für ihre Kunstaktionen, später auch für den kommerziellen Verkauf. 1969 gründete sie ein eigenes Modelabel, die Kusama Fashion Company, und eröffnete eine Modeboutique, in der sie ihre provokanten Entwürfe anbot. Es entstand die See Through-Kollektion, bei der runde, in die Stoffe geschnittene Löcher den Blick auf Genitalien und Brüste freigibt.
Darüber hinaus hatte sie schon 1962 damit begonnen, ganze Schwärme von Phalli auf Kleidungsstücke zu applizieren. Kusama selbst trug viele Jahre lang zu Happenings und Presseterminen eine tief ausgeschnittene rosa Tunika, die mit silbernen Stoffpenissen besetzt war. Damit präsentierte sie Kleidung souverän als Statement der Befreiung von gesellschaftlichen Normen.
Als sie sich 2023 mit Louis Vuitton für eine Kollaboration zusammentat und vor den Filialen des Labels in London und Paris bis zu 15 Meter hohe Stauen von Kusama auftauchten, zog das Spektakel weltweite Aufmerksamkeit auf sich. Viele Kunstkritiker schrien auf: Ausverkauf! Doch für Kusama war das nur konsequent, denn Mode und Kunst waren für sie nie getrennte Disziplinen. In der Folge wurde Kusama – wie nur wenige Künstler – eine kommerziell extrem erfolgreiche Marke, ja, eine lebende Legende.
Wie kaum eine andere Künstlerin hat sie sich schon früh mit Begeisterung der Selbstinszenierung verschrieben. Auf einer Vielzahl von ihr persönlich überlegt inszenierten Portraits ist sie mit ihren Kunstwerken oder posierend inmitten ihrer Installationen zu sehen.
Ohnehin ist Kunst für Kusama ein weites Feld. 1978 erschien ihr erster Roman „Manhattan Suicide Addict“, ein autobiographischer Text über ihre Jahre in New York. Zehn weitere Romane, viele Kurzgeschichten, Gedichte und eine Autobiographie folgten.
Mehr Wow geht nicht!
Die Architektur der Fondation Beyeler wird für diese Retrospektive selbst Teil des Kunsterlebnisses. Das Museum von Renzo Piano mit seinen Glasfassaden und klaren Linien bildet die Bühne, auf der Kusamas Werk zwischen Natur und Raum inszeniert wird. Im Seerosenteich vor dem Eingang reflektieren Hunderte silberner Kugeln von „Narcissus Garden“ das Licht und die Bewegung der Besucher. Im Inneren schaffen zwei neue Infinity Mirror Rooms unterschiedliche Formen der Wahrnehmung, einer davon im Untergeschoss des Museums, der andere im Park.
Im Museumspark steht ein großer, begehbarer, von außen verspiegelter Würfel. Bis zu vier Besucher können den Raum mit gänzlich verspiegelten Wänden betreten. Der Zugang ist zeitlich begrenzt, damit jede Besucherin und jeder Besucher einen intensiven, fast meditativen Moment der Begegnung erlebt.
Im Kellergeschoss des Museums befindet sich ein ganz besonders faszinierendes Kunstwerk. Riesige aufblasbare gelbe Objekte mit schwarzen Punkten ranken sich in die Höhe, hängen von den Decken und schlängeln sich durch den begehbaren Raum, dessen Boden, Decke und Wände mit demselben Muster bedeckt sind.
In Basel stehen die Besucher vorm Museum Beyeler Schlange. Es ist ein regelrechter Hype um Kusama ausgebrochen. Die Tickets waren sofort ausverkauft, die Öffnungszeiten wurden verlängert. In Köln und Amsterdam wird es nicht anders sein.
Very instagrammable, sagt man heute dazu. Heute sind wir dies Form von Kunstausstellung gewohnt. Doch Kusama war vor 60 Jahren eine der Ersten, die diese Art der Kunsterfahrung erfand.
Die Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel ist noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen.
Die Kusama-Ausstellung im Museum Ludwig in Köln läuft vom 14. März bis 2. August 2026.
Vom 11. September bis 10. Dezember wird Kusama im Stedelijk Museum Amsterdam gezeigt.
Dass man den Kürbis von Kusama sogar auf dem Kopf tragen kann, sehen Sie hier: https://stylerebelles.com/kuerbis-mehr-als-nur-langweiliges-gemuese/
Und hier gibts noch ein paar Zitate der japanischen Künstlerin: https://stylerebelles.com/yayoi-kusama-auf-den-punkt-gebracht/