Es ist 2026, ein Sonntagmorgen in Dortmund, aber im Untergeschoss des Fußballmuseums sind wir mitten in den 1970ern: ein Meer aus Fotos, O-Tönen, Film- und Zeitungsausschnitten, rund um das Leben von Günter Netzer. Das Fußballmuseum in Dortmund würdigt Fußballikone Günter Netzer und gibt Einblicke in das goldene Fußballzeitalter der Siebzigerjahre, es erzählt nicht nur von einem Spieler, seinem Kultstatus, seinem Stil und seiner ganz besonderen Art Fußball zu spielen, sondern auch von seiner Zeit.
Mehr als Sportgeschichte: Eine Zeitreise
Seit dem 8. April 2025 widmet das Museum rund 1.000 Quadratmetern einer Sonderausstellung „Netzer – Die Siebzigerjahre“. Eigentlich sind es nur ein Raum auf zwei Etagen, in diesem aber wird in Bild, Ton und Film Günter Netzers Karriere zum Leben erweckt. Netzer selbst war bei der feierlichen Eröffnung anwesend – und überraschend bewegt. „Diese Ausstellung präsentiert Dinge von mir, die mich tief im Innern berühren“, sagte er mit brüchiger Stimme.

Am Ende der Ausstellung ist man sich sicher: Netzer war der erste Popstar des deutschen Fußballs
Günter Netzer war mehr als ein Spielmacher – er war ein Rebell, ein Star, ein Influencer, lange bevor es das Wort Influencer gab. In den 1970er Jahren machte er Fußball nicht nur spielerisch attraktiver, sondern auch zu einem kulturellen Phänomen. Seine Kunst am Ball, seine modischen Auftritte abseits des Fußballplatzes und sein extravaganter Lebensstil brachten ihm früh den Ruf eines Popstars ein. Und darum geht’s: um das Leben des Mannes im, aber auch außerhalb des Stadions.
Die Ausstellung ist nicht nur etwas für eingefleischte Fußballfans, sondern für alle, die Fußball als Teil der Pop- und Alltagskultur begreifen wollen. Sie lädt ein, sich dem Mythos Netzer zu nähern – nicht nur über Statistiken oder Trophäen, sondern über Geschichten, Gesichter und Klänge, die weit über den Rasen hinausreichen.
Ein großer Raum lädt mit Sitz- und Liegekissen zum Verweilen ein. Ringsum Projektionsflächen. In mehreren kurzen Clips erlebt man Netzers Welt durch eine Reihe von Filmausschnitten und Medieninstallationen, die den Raum zu einem Rundumerlebnis machen. Manuel Neukirchner, Direktor des Deutschen Fußballmuseums, hat für die Ausstellung viele lange Gespräche mit Günter Netzer geführt. Man merkt schnell, dass hier nicht nur kuratiert, sondern zugehört wurde. Für Neukirchner ist die Netzer-Schau eine Hommage an eine außergewöhnliche Persönlichkeit – und an eine Zeit, in der Fußball noch von Eigensinn, Mut und individueller Handschrift lebte. Mit seinen Sportwagen, Discos und Klamotten änderte er das Bild von Fußballspielern für immer.
Ergänzend zur raumgreifenden Medieninstallation zeigt das Museum zudem die Fotoausstellung „Netzer by Masahide Tomikoshi“.
Der japanische Meisterfotograf begleitete Netzers Zeit in Gladbach und Madrid. Gezeigt werden Fotos von Netzer, die bisher größtenteils unveröffentlicht waren. Einblicke in ein Fußballerleben, mit und ohne Fußball.

Für meinen Vater, zwei Jahre jünger als Netzer, ist diese Ausstellung kein Blick zurück, sondern ein Wiedersehen. Er bleibt stehen vor Bildern, die für ihn keine Geschichte sind, sondern erlebte Gegenwart: Samstagnachmittage, Radiostimmen, Gespräche über Spielzüge, Selbsteinwechslungen, Transfers nach Madrid, die Disco, die Klamotten und die Autos. „Ja, der war damals wirklich sowas wie ein Popstar“, sagt er. Günter Netzer ist für ihn kein Mythos, sondern jemand, den man gesehen, bewundert, manchmal auch kritisch gesehen hat – einer von denen, über die man sprach, weil sie anders waren. Und ich freue mich über die Erinnerungen, die er mit mir teilt: darüber, wo er war, mit wem er Fußball geguckt hat, welches Spiel damals im Fernsehen lief. Worüber man sprach und wie sehr diese Filmausschnitte auch Teil seines eigenen Lebens waren.

Mein eigenes Bild von Günter Netzer ist nicht ganz so alt.
Ich kenne ihn vor allem aus den Wortgefechten mit Gerhard Delling im Fernsehen: nie laut, nie aufbrausend, aber von messerscharfer Präzision und großer Komik. „Sie müssen mir nicht erklären, wie Fußball funktioniert“, sagte er einmal – ruhig, endgültig. Und wenn er trocken anmerkte, man merke eben, dass hier Menschen über Fußball sprechen, die ihn selbst nie gespielt haben, saß der Satz. Kühl, souverän, und zugleich wahnsinnig lustig.
Am Ende der Ausstellung kickern mein Vater und ich in der Eingangshalle des Museums und erzählen uns von den Kickerkneipen, in denen wir damals (er in den 1960ern und 1970ern, ich in den 1980ern und 1990ern) im Ruhrgebiet die Konkurrenz unter den Tisch gekickert haben oder unter den Tisch gekickert wurden. Ich hake mich bei ihm ein und auf dem Weg nach draußen nehmen wir uns vor, demnächst mal wieder zusammen kickern zu gehen. „Ich bin Schalke. Aber mit Netzer im Sturm“, sage ich.
Wer die Günter Netzer Sonderausstellung noch sehen will, muss schnell sein.
Tickets für die Sonderausstellung gibt es noch bis Ende Februar für 12 Euro, ermäßigt ab 6 Euro – gültig für den gesamten Tag und sowohl die Sonder- als auch die Dauerausstellung. Lohnt sich.