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Fotografin Lee Miller – zwischen Krieg, Glamour und Küche

Lee MillerAls gefragtes Fotomodell, progressive Fotografin und surrealistische Künstlerin und Fotojournalistin machte Lee Miller sich einen Namen. Ihr vielschichtiges fotografisches Werk wird gerade in einer Retrospektive in Paris gezeigt. Und wir fragen uns: Wer war eigentlich Lee Miller?

Ein Foto, schwarz-weiß: Eine schöne Frau sitzt nackt in einer gekachelten Badewanne. Sie streicht einen Waschlappen über ihr Schulterblatt. Links im Bild, am Wannenrand, das unscharfe Portrait Adolf Hitlers, rechts, neben der Klimaanlage für das Personal, eine weibliche Marmorskulptur. Vor der Wanne, auf dem Badeteppich, ein Paar grobe Militärstiefel. Der Teppich, die Stiefel, voller Dreck – und Menschenasche.

Wenige Stunden zuvor hatte Lee Miller im befreiten Konzentrationslager Dachau die Abgründe menschlicher Existenz gesehen.

Die 38-Jährige begleitete mit ihrer Rolleiflex-Kamera als eine der wenigen akkreditierten weiblichen Militärkorrespondenten die Invasion der Alliierten von der Normandie bis nach Deutschland. 30. April 1945. Amerikanische Soldaten haben am Nachmittag die Münchner Privatwohnung Adolf Hitlers am Prinzregentenplatz 16 besetzt, während er gerade in Berlin seinem Leben ein Ende setzte.

Ein amerikanischer Offizier wartete vor der Badezimmertür, als das Bild „Lee Miller in Hitlers Badewanne“ entstand. Ihr Kollege, der Fotograf David E. Scherman, knipste es, doch tatsächlich war es von Lee Miller arrangiert. Sie degradierte den Führer, indem sie dessen biedere Häuslichkeit bloßstellte.

Das Foto erschien im Juli 1945 in einer Reportage Lee Millers in der britischen Vogue. „Mein Gastgeber war nicht zu Hause“, so Lee Millers trockener Kommentar.

800 Kilometer fährt sie unmittelbar nach Kriegsende im Jeep durch Deutschland. Um schließlich an einen Ort zu gelangen, der alles Grauen übertrifft, das sie in diesem Krieg erlebt hat. Im Konzentrationslager Buchenwald sieht sie die ausgemergelten Körper der Ermodeten.  Sie greit zu ihrer Kamera und fotografiert. Ihre Bilder gehören zu den ersten, die der Welt den Holcaust zeigen. Die amerikanische Vogue veröffentlicht Lees Bildreportage im Juni 1945 mit dem Titel „Believe it!“. Glaubt es!

Zwanzig Jahre später, im Jahr 1965, schwärmte Lee Miller, nun Mrs. Roland Penrose (sie hatte 1947 den Maler und Kunstsammler geheiratet und lebte mit ihm auf seinem Landsitz Farley Farm in East Sussex) in der britischen Vogue von einem Rührmixer.

„Ich kann ein Abendkleid anziehen, und während ich auf ein Taxi warte, kann ich dank diesem wunderbaren Instrument eine Schokoladenmousse für zehn Personen zubereiten.“ Für das Foto lächelte die Dame des Hauses in gestärkter, weißer Schürze künstlich in die Kamera.

Was war in zwei Dekaden mit dieser emanzipierten, maßlos kreativen und ambitionierten Künstlerin geschehen? Warum war sie zu einem Heimchen am Herd geworden?

Das Leben im von den Deutschen bombardierten London in den Jahren ab 1940 und ihre Arbeit als Kriegsreporterin hatte sie schwer traumatisiert. Ein Arzt diagnostizierte ei ihr eine Kriegsneurose, eine posttraumatische Belastungsstörung. Lee Miller war depressiv geworden, hatte zu trinken begonnen. „Es war das Kochen, das ihr das Leben gerettet hat“, schreibt ihr Sohn Antony in seiner Biographie „Die drei Leben der Lee Miller“. Später sammelte er ihre Rezepte in einem 350 Seiten umfassenden Kochbuch.

In East Sussex kultivierte sie einen riesigen Gemüsegarten, schlachtete ihr eigenes Vieh, stampfte ihre eigene Butter. Sie ersetzte die Dunkelkammer durch die Küche, und statt mit der Kamera stillte sie ihr Interesse an technischen Geräten mit modernen Küchengeräten, darunter ein Stangenbohnenschneider und eine Eismaschine.

Kochbücher wurden lee Millers Lieblingslektüre vor dem Schlafengehen

Bald hatte sie so viele, über 2000, dass ihr Mann einen eigenen Raum dafür baute. Ihre Vorbereitungen für ein Menü konnten Tage dauern. Manchmal studierte sie bis zu 50 Bücher für ein Rezept. Dann sautierte, flambierte, drapierte sie alle Zutaten und verwöhnte ihre Gäste mit ausgefallenen Gerichten wie „grünes Hähnchen“ oder blaue Spaghetti. Gästen, die sie nicht leiden konnte, setzte sie höllisch scharfe Speisen vor.

Früheren Fotografenkollegen, die in ihren Arbeiten weibliche Körper zur Schau stellten, servierte sie ihre berühmten „Cauliflower Breasts“ – Blumenkohl, mariniert in hautfarbener Sauce aus Mayonnaise und Timatenmarkt, als Brüste angerichtet auf gehackten, harten Eiern.

Bei der Zubereitung trug sie einen Turban oder ein Haarnetz. Ihr Aussehen war ihr nicht mehr wichtig. Einst hatte es ihr viel ermöglicht, sie aber auch erdrückt. Als 19-Jährige war sie in Manhattan Condé Nast, dem Verleger der amerikanischen Vogue, aufgefallen. Zwei Jahre lang hatte er die Schönheit der groß gewachsenen Blondine mit den klaren Gesichtszügen auf Titelbildern und Modestrecken verkauft, bis sie es satthatte, Objekt zu sein und selbst zur Kamera griff. „Ich mache lieber ein Foto, als eines zu sein.“

Lee Miller war nicht einfach eine spleenige Hausfrau, sondern sie wurde eine anerkannte Köchin und legendäre Gastgeberin. Alle wollten eine Einladung zur Farley Farm bekommen. Fotos aus jener Zeit zeigen ausgelassene Treffen.

Gäste mit bizarren Masken bei einer Gartenparty oder Bildhauer Lynn Chadwick, der Lees Küchenmesser splitternackt in der Sonne im Garten schleift. Für den Fall, dass einer ihrer Gäste im Hochsommer eine Schneeballschlacht machen wollte, bewahrte sie Schneebälle im Gefrierschrank auf.

Immer war etwas los, immer jemand da. Das Land mit Leben zu füllen, war überlebenswichtig. Einsamkeit und stille bedeuteten, allein mit seinen Gedanken zu sein.

Mit ihrer eigenwilligen Kochkunst gelang es Lee Miller, sich selbst wieder zu heilen. Beim Kochen verarbeitete sie ihre Gefühle. Kochen sei reine Therapie, sagte sie einmal. Nicht nur: Es wurde auch ihr neues Mittel, sich auszudrücken.

Eingebettet in der gefliesten Wand über dem Herd in Farley, strahlte sie eine Fliese an, darauf ein lächelndes Gesicht. Picasso hatte sie für sie als enge Freundin entworfen. Dafür bekam er seinen heiß begehrten flambierten Plumpudding. Lee hatte ihn, wie auch Max Ernst, Salvador Dali und Man Ray, dessen Muse, Assistentin und Geliebte sie gewesen war, vor dem Krieg in Paris kennengelernt.

Über ihre Kriegserfahrungen hat Lee Miller später nie gesprochen. Einige ihrer Dachau-Negative hat sie zerstört, damit niemand sehen musste, was sie gesehen hatte. Mit 70 Jahren starb sie an Krebs. Ihre Asche wurde über dem Kräutergarten ihres Landsitzes verstreut.

 

Die sehr beeindruckende Retrospektive zum Werk Lee Miller ist bis zum 2. August im Musée d´Art Moderne in Paris zu sehen. Unbedingt Karten vorbuchen, denn es ist sehr voll. https://www.mam.paris.fr/fr/expositions/exposition-lee-miller

So viel zu sehen in Paris! Wie Sie dabei trotzdem nicht in Stress geraten, lesen Sie hier: https://stylerebelles.com/paris-ohne-stress-8-tipps-fuer-wunderbar-entschleunigtes-reisen/

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