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Süddeutsche Zeitung: Wie das Blatt grauhaarige Frauen abwertet

Süddeutsche ZeitungUm es sofort zu sagen: Dieser Zeitungsartikel hat mich empört. Es geht um die Süddeutsche Zeitung, eigentlich ein Blatt mit verlässlich hohem Niveau und Quelle vieler Inspirationen. In der Ausgabe vom letzten Samstag, im Stilteil, befindet sich ein Foto der Schauspielerin Andie MacDowell („Vier Hochzeiten und ein Todesfall“). Es zeigt sie auf dem roten Teppich während der Filmfestspiele in Cannes. Natürlich sieht sie umwerfend aus, sogar noch ein bisschen besser als früher, denn sie zeigte sich mit einer wunderschönen neuen Haartracht. Man kennt sie mit einem warmen Brünettton, in Cannes erschien sie mit einer ergrauten Lockenpracht.

Die 63jährige Amerikanerin hat, wie andere nicht-prominente und prominente Frauen auch (unter ihnen die Stilikone Caroline von Monaco), während des Lockdowns die Farbe aus den Haaren herauswachsen lassen. Der kurze Artikel über Andie Mac Dowells Ergrauung unter dem Foto ist leider erschütternd schlecht. Die Verfasserin, die die neue natürliche Haarfarbe der Schauspielerin unter die Lupe nimmt, hat offensichtlich keine Ahnung von dem Prozess, über den sie berichtet. Ihr Problem ist neben ihrer Unwissenheit eine negative Einstellung zum Alter garniert mit einer Prise Arroganz.

Der Artikel trägt die Überschrift „Grauer Star“. Naja, mehrdeutig, soll Aufmerksamkeit wecken, kann man machen. Stilvorbilder wie Andie MacDowell brauche die vom monatlichen Friseurbesuch getriebene Leserin, moderiert die Kolumnistin der Süddeutschen, die freie Autorin Julia Werner (41) ihren Text an, die früher einmal stellvertretende Chefredakteurin der Frauenzeitschrift Glamour war, denn nichts wachse schneller als die Haare und erfordere daher häufige Besuche beim Friseur. Doch schon hebt sie den Zeigefinger und setzt warnend nach, Go-Grey-Euphorien unter älteren Frauen gebe es seit Jahren immer mal wieder. Attraktive Frauen befreiten sich und damit – Achtung: zweite Warnung: „so scheine es“, einen großen Teil der weiblichen Bevölkerung.

Das Problem des Artikels beginnt im folgenden Teil. Bevor sich normalsterbliche Schönheiten jetzt auch zum Ergrauen berufen fühlten wie die Lichtgestalt Andie Mac Dowell, sollten sie doch bitte ein paar Punkte bedenken. „Erstens: die Frau hat immer noch ein Lächeln wie ein junges Mädchen. Wer kann das nach all den Bitterkeiten des Lebens schon von sich behaupten?“ Die Frage klingt mitfühlend, sie suggeriert Verständnis für ältere Frauen. Doch vor allem enthält sie eine schlechte Nachricht. Sie lautet: Das Schicksal älterer Frauen ist schwer. Sie sind von ihrem Leben gezeichnet. Sie haben verbitterte, traurige Gesichtszüge. Sie sind schlecht gealtert.

Kommen wir zur nächsten ärgerlichen Passage: „Zweitens: Sie trug an den beiden Cannes-Abenden Funkelndes von Prada und Versace. Das knallt natürlich gut gegen graues Haar. Ein ausgeleiertes Sweatshirt tut das aber nicht.“ Eine Journalistin wie Julia Werner ist darin geschult, ihre Worte mit Bedacht zu wählen. Sie weiß, dass es zwischen Haute Couture und ausgeleierten Sweatshirts eine Menge eleganter und zahlbarer Bekleidungsalternativen für ältere Frauen gibt. Warum spricht sie es nicht aus, sondern wählt einen drohenden Ton, der den Leserinnen suggeriert, sie hätten nur die Wahl zwischen zwei Stilvarianten, von denen die eine unerschwinglich ist und die andere ein wenig ungepflegt?

Die unschönste Aussage steht am Ende von Frau Werners Artikel. „Drittens: Andie MacDowell war perfekt geschminkt. Ein Ausgang ohne leuchtend roten Lippenstift oder Smokey Eyes ist mit Oma-Haar möglich, aber sinnlos. Vielleicht ist die Warterei beim Friseur doch das kleinere Übel.“ Von der Autorin einer Zeitung von Rang hätte man auch hier erwarten dürfen, dass sie ihre Worte genauer wählt. Die Bezeichnung „Oma-Haar“ für das strahlend weiße Haar älterer Frauen suggeriert etwas platt familiäre Nähe. Sie kaschiert letztendlich kaum die abwertende Einstellung zum Alter, die sich dahinter verbirgt: Du grauhaarige Frau bist eine alte Oma. Denke besser nicht darüber nach, ungeschminkt Dein Haus zu verlassen. Solltest du es doch tun, hat dein Leben leider seinen Sinn verloren und du kannst dich gleich begraben lassen.

Traurig, wenn man es bei einer Tageszeitung, die eigentlich viel zu klug ist, eine solche Botschaft zu vermitteln, schafft, mit veralteten Schönheitsidealen und negativen Altersbildern grauhaarige Leserinnen zu vergraulen. Immerhin dürften sie zum treuesten Teil der ohnehin abnehmenden Leserschaft der klassischen Tagespresse gehören. Und: Andie MacDowells mutiger Schritt, während der Übergangsphase zweifarbig in der Öffentlichkeit aufzutreten, hätte mehr Respekt verdient.

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6 Kommentare

  1. Susa Berg
    29/07/2021 / 09:46

    Ich habe es auch gelesen. So was von ätzend… Das schießt sich die „Süddeutsche“ selbst ins Knie!
    Am empörendsten finde ich, dass es eine Frau geschrieben hat. Schwester, Schwester, die hat doch nicht mehr alle Latten am Zaun…

    Gruß, Susa

  2. Ursel
    Autor
    29/07/2021 / 13:27

    Ich kann mich Deinen Worten nur anschließen, liebe Susa.
    Herzliche Grüße nach Köln.

  3. Ruth
    31/07/2021 / 13:28

    Die Verfasserin dieses schon absurd arroganten Artikels ist 35. Offensichtlich ist ihr noch nicht der Gedanke gekommen, dass sich auch ihr mal die Frage grau oder färben stellen wird. Sicher machen graue Haare nicht jünger . Gefärbte aber auch nicht unbedingt. Und wenn ich mit gefärbten Haaren wie 60 statt 65 aussehe, bin ich dann jung? Und ist „jung aussehen“ denn gleichbedeutend mit „gut aussehen“?
    Die SZ ist im Hinblick auf Mode und Stil leider nicht auf dem sonst so hohen Niveau. Ich habe dort mal einen ähnlich lächerlichen Artikel gelesen, wo den Leserinnen geraten wurde, selbst gestrickte Pullover niemals in der Öffentlichkeit zu tragen! Das sei spießig. Aber ist spießig nicht genau das, was diese Autorin macht: anderen vorschreiben, wie sie sich präsentieren sollen?
    P.S. Habe euren Blog gerade erst entdeckt und finde ihn super.

  4. Kulturpur
    31/07/2021 / 22:00

    Solche Artikel besser einfach nicht mehr fertig lesen, verbreiten, kommentieren Zuviel der schwesterlichen Ehre. Wenn schon doch, dann der Redakteurin, der Chefredaktion ein scharf, knapp formuliertes Mail, oder einen Leserbrief schreiben. Darüber hinaus ignorieren.
    Salzburg, die Medienwelt und Öffentlichkeit diskutiert seit Wochen, ob die Schauspielerin!!!!! Verena Altenberger kurz geschorene Haare haben darf?
    Sie spielt im Jedermann die Buhlschaft. Ob das so denn weiblich genug sei?
    Auch das muss Frau 2021 einfach ignorieren. Sonst wird frau wahnsinnig.

  5. Ursel
    Autor
    01/08/2021 / 18:34

    Danke für Deine erfrischend klaren Worte, liebe Ruth. Tut sehr gut zu wissen, dass wir Leserinnen wie Dich haben.

  6. Ursel
    Autor
    01/08/2021 / 18:40

    Die Haltung zu kommentieren, finde ich schon wichtig. Man setzt damit ein Zeichen für andere ältere Frauen. Natürlich ist es mindestens genau so wichtig, positive Beispiele, also gute Altersbilder dagegen zu setzen – was ja ein großes Anliegen unseres Blogs ist.

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